Descartespädagogik

Wenn ich mit einer Schulklasse ein Theaterstück entwickele, ist der Zweifel unser ständiger Begleiter. Bis auf die letzten Sekunden vor der Aufführung schwirrt die Luft, hörbar oder unhörbar von Sätzen wie: „Ich glaube nicht, dass wir das schaffen!“ „Das ist doch peinlich.“ „Wir werden uns blamieren.“ „Niemand findet das Lustig.“ „Das versteht doch keine Sau.“ „Was soll das überhaupt?“ Und nicht zuletzt die Frage aller Fragen: „Wozu soll das gut sein?“. Oft denke ich: um hier nicht den Mut zu verlieren muss man ein Heiliger sein, eine wahres Feuerwerk an Enthusiasmus und Positivität, ein Feuerwerk an pädagogischem Genie, dass nie erlischt. Ein echtes Ausnahmetalent eben. Bin ich aber nicht. Ich bin merkwürdig, grüblerisch und stecke genauso voller Zweifel wie meine pubertierenden Schüler_innen.  Im Prinzip habe ich ihnen nur eine einzige Kleinigkeit voraus: ich stecke schon länger voller Zweifel als sie. Sie haben ja gerade erst angefangen zu zweifeln. Aber ich... Jahre! Ach was - Jahrzehnte! In derart ausweglosen Situationen muss man alles in die Waagschale werfen, was einem zur Verfügung steht. Ich werfe meine Erfahrung mit dem Zweifel in die Waagschale. Und diese Erfahrung sieht folgendermaßen aus: Den Zweifel kann man nur überwinden, indem man ihn auf die Spitze treibt. Dabei mache ich mich zum Narren, der in der Bildersprache des Tarot schnurstracks in den Abgrund marschiert, während alle anderen entsetzt davor stehen bleiben. So, oder so ähnlich muss es dem Philosophen René Descartes gegangen sein, als er auf dem Wege des „methodischen Zweifelns“ sein berühmtes „cogito ergo sum“ entdeckte. Wer glaubt, dass es sich hierbei um eine rein logisch Schlussfolgerung handelt, liegt falsch. Es ist der Wechsel auf eine andere Ebene. Man denkt, man stürzt in den Abgrund, aber vom Willen her passiert das umgekehrte: man fliegt. „Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug.“ So beschrieb es die Dichterin Hilde Domin.

Von Außen betrachtet kommt das völlig unspektakulär rüber. Es muss nicht mal groß was passieren, oder gesagt werden. Und trotzdem ändert sich die Situation grundlegend. Man kann es vielleicht so beschreiben: es kehrt Ruhe ein.

Vorher hat die Pädagogin wild nach Argumenten gesucht, jedem Zweifel ein positives Gegenbild gegenübergestellt, geschworen dass sich niemand blamiert, vom Sinn der Sache überzeugt, autoritär gepusht, antiautoritär besänftigt, ganz außerordentlich gründlich geplant, Raum gelassen, nach der zentralen Frage gesucht. Aber so lange das ein insgeheimes Anrennen gegen den Zweifel ist, hat sie das Rennen ohnehin verloren. Es ist wie bei Hase und Igel. Der Igel ist immer als erster da. Egal wie sich der Hase anstrengt. Jetzt bleibt ihr die Wahl: lässt sie sich vom Zweifel übermannen? Oder Wechselt sie die Ebene, ähnlich wie Descartes, als er feststellte „Ich denke, also bin ich.“

Im ersten Fall wird sie vermutlich aufgeben oder die Nerven verlieren oder beides. Die Descarterpädagogin setzt an diesem Punkt noch einen drauf und sagt (ob laut oder zu sich selbst spielt eigentlich keine Rolle): „Wer um Himmels Willen hat denn erwartet, dass es anders sein sollte? Sinnvoll und toll und ein Erfolg jagt den nächsten? Ihr habt das Ausmaß der Sinnlosigkeit des Ganzen noch gar nicht richtig erfasst. Die Katastrophe kommt nicht erst! Sie ist schon längst passiert. Wir sind das Ergebnis davon. Die gesamte Evolution liegt als Trümmerhaufen hinter uns. Vor uns das blanke Nichts. Es gibt nichts mehr, dass man noch niederreißen könnte. Kaputter geht es gar nicht mehr.

So what?“

Und jetzt passiert etwas mit diesem „Ungetüm“ der nörgelnden Schulklasse. Vorher hat es geschlafen, oder gefaucht und Feuer gespien. Jetzt plötzlich, öffnet es ein Auge und betrachtet unter scheinbar teilnahmslos gesenktem Lid die Situation. Unter dem Lid blitzt echtes Interesse. Was wird sie jetzt tun? Es ist, als hätte jemand einen Vorhang aufgemacht und das Licht reingelassen. Die Situation bekommt einen anderen Charakter. Sie ist plötzlich real. Und damit unterscheidet sie sich merklich von allen andern Schulsituationen, die immer irgendwie simuliert sind, so wie der Autofahrer im Computerspiel auch nicht wirklich tödlich verunglücken kann, sondern eben nur das Game verlieren. Das hier ist wirklich. Jede Bewegung im Raum, jedes Wort das gesprochen wird, erklingt oder formt sich in dieses Nichts hinein. Die Luft ist wie elektrisiert. Wir haben es komplett in der Hand. Alles was passiert. Unsere Verantwortung. Wenn Nichts passiert, oder wenn wir scheitern, dann ist das nichts Neues. Die Katastrophe ist ja eh schon da. Wir haben nichts zu verlieren. Sollte das Theaterstück tatsächlich stattfinden – was wir natürlich bezweifeln – sollte es, dann wäre es eine echte Schöpfung aus dem Nichts. Und wir wären die Schöpfer. Wir haben Nichts zu verlieren, fangen wir an!

Wenn wir diesen Punkt erreichen dann sind wir mit unserer gemeinsamen Arbeit in der Zeit angekommen, die Descartes mit seinem „cogito ergo sum“ einläutete – in der Neuzeit. Und unsere Schüler, eben noch die Verlierer in allen Sparten, stehen auf einmal ganz vorne, an der Spitze, da wo noch Niemand vor ihnen war. Am Beginn einer neuen Schöpfung. Und dass ganz ohne viel Aufsehens.

 

Wenn mich mal wieder jemand nach dem Sinn dieser Arbeit fragt, dann weiß ich, dass dieser Jemand den Anfang der Neuzeit bisher verschlafen hat.

 

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